Das MEWA-Bad in Ostritz
02899 Ostritz, Deutschland · 2.228 Einwohner:innenDas Freibad, das die Bürger:innen selbst betreiben
Im Sommer ist das Mewa-Bad der Treffpunkt von Ostritz. Kinder springen vom Beckenrand, Eltern sitzen im Schatten, am Kiosk sind Menschen aus dem Ort im Gespräch. Viele kennen sich, viele helfen mit. Ostritz, eine Kleinstadt in der Oberlausitz an der deutsch-polnischen Grenze, ist kein Ort mit großen finanziellen Spielräumen – vieles funktioniert hier nur, wenn Menschen selbst aktiv werden. Dass dieses Freibad heute noch existiert, ist nicht selbstverständlich. Vor einigen Jahren geriet die Stadt finanziell unter Druck. Ein Haushaltsstrukturkonzept musste her und das Freibad stand plötzlich zur Disposition. Doch statt die Schließung hinzunehmen, setzten sich Bürger:innen für eine Lösungsfindung zusammen. „Ein Freibad ist ein emotionaler Ort“, sagt Bürgermeisterin Stephanie Rikl. „Viele haben hier schwimmen gelernt oder ihre Kindheitssommer verbracht.“
Der Moment, in dem der Ort übernimmt
2016 gründen Engagierte einen Verein. Die Idee: Das Bad bleibt offen, aber die Menschen aus Ostritz betreiben es selbst. Rettungsschwimmerdienste, Kasse, Reinigung und Organisation laufen seitdem ehrenamtlich. Rund hundert Menschen halfen zuletzt im Laufe einer Saison mit. Als einmal Rettungsschwimmer fehlten, meldeten sich sechs Eltern und machten gemeinsam die Ausbildung. „Wenn sich die Aufgaben auf viele Schultern verteilen, wird es für alle machbar“, sagt Rikl.
Ein Freibad wird zum Treffpunkt
Mit dem neuen Betrieb verändert sich auch der Ort. Das Bad bleibt nicht nur ein Platz zum Schwimmen: Es wird zum Treffpunkt für die ganze Stadt. An lauen Sommerabenden steht am Beckenrand regelmäßig eine Leinwand. Familien, Freunde, Bekannte sitzen zusammen, schauen Filme, während sich die Bilder im Wasser spiegeln. Gezeigt werden Klassiker, Familienfilme oder Dokumentationen – immer ergänzt durch ein thematisch passendes Begleitprogramm. Ein anderer Abend gehört den Geschichten. Bei der „Langen Nacht der Geschichten“ entstehen rund um das Becken kleine Lesestationen. In Zelten oder am Lagerfeuer lesen Menschen aus ihren Lieblingsbüchern vor. Wer möchte, bleibt gleich über Nacht: Zelte stehen auf der Liegewiese, morgens springen die ersten wieder ins Wasser. Konzerte, Theater, Spieleabende, Tauschbörsen, gemeinsames Picknick oder Arbeitseinsätze runden das Programm ab, das sich über die eigentliche Badesaison verlängert.
Ein Ort, der zusammenhält
Mit der Zeit ist das Bad zu einem Gemeinschaftsort geworden. Kinder verabreden sich schon in der Schule für den Nachmittag im Freibad. Eltern übernehmen Rettungsschwimmer- oder Kassendienste, Großeltern helfen bei Veranstaltungen. Viele engagieren sich auch aus Dankbarkeit. „Einige sagen: Meine Kinder konnten hier schwimmen lernen, weil andere geholfen haben“, erzählt Rikl. „Jetzt will ich auch etwas zurückgeben.“ Die Einnahmen schwanken, und natürlich bleibt die Frage, wie dauerhaft ein Modell trägt, das so stark auf Ehrenamt baut. Doch vielleicht liegt genau darin seine Stärke: Viele haben das Gefühl, dieses Bad ist ihr Bad – und übernehmen Verantwortung. Für Ostritz ist das Bad längst mehr als ein Ort zum Schwimmen. Es ist ein Platz, an dem Menschen erleben, dass sie selbst etwas bewegen können. „Hier kann jeder etwas beitragen“, sagt Rikl. „Und genau das macht diesen Ort so stark.“

Entdecke weitere Projekte
Hier geht es zu einem der weiteren 39 prämierten Projekte des Wettbewerbs.
Zum nächsten Projekt