Qulturwerkstatt Netphen
57250 Netphen-Deuz, Deutschland · 2.136 Einwohner:innenWo aus einer Tischlerei ein Kulturort wurde
Wo heute Stühle für ein Konzert stehen, lagen früher Holzspäne. In der großen Halle surrten Kreissägen, an den Wänden hingen Werkzeuge. Das Gebäude mitten in Netphen-Deuz war einmal eine Tischlerei. Heute diskutieren hier Jugendliche über eine Veranstaltung. Nebenan entsteht eine Bar. Im Garten planen Vereinsmitglieder einen Workshop. Aus der Werkstatt ist ein Kulturort geworden. Die Menschen im Ort nennen ihn einfach: das Q. Der Buchstabe steht für das Offene und Seltene. Netphen-Deuz im Siegerland ist ländlich geprägt – vieles entsteht hier, weil Menschen selbst die Initiative ergreifen.
Angefangen hat alles im Wohnzimmer
Die Idee entstand aus einer einfachen Beobachtung: Wer Theater, Lesungen oder kleinere Konzerte erleben wollte, musste meist bis in die Kreisstadt Siegen fahren. Stefan Bünnig und Giulia Gendolla begannen deshalb selbst mit kleinen Formaten – zuerst mit einer Art Pantoffelkino im Wohnzimmer, später mit Kindertheater im Backhaus des Dorfes. Schnell entstand eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die nicht nur zuschauen, sondern mitmachen wollten. Ein Zeitungsbericht brachte schließlich die entscheidende Wendung. Gabriele Schlemper meldete sich – ihr gehörte die Tischlerei ihres verstorbenen Vaters. Plötzlich hatte die Idee einen Ort. Am 5. Juli 2019 gründete sich der Verein Qulturwerkstatt.
Kultur von allen, für alle
Am Anfang war das Gebäude noch voller Maschinen, Holzreste und Sägemehl. Vereinsmitglieder räumten Geräte aus, organisierten Flohmärkte und bauten um – vieles in Eigenarbeit. Trotzdem fanden schon Veranstaltungen statt. Lesungen, Konzerte und Theater liefen mitten in der Baustelle. Heute ist das Q ein offener Kulturraum mit Bühne, Technik und einem Programm, das ständig wächst. Neben Auftritten professioneller Künstler:innen entstehen viele Formate direkt im Verein: Jam-Sessions, Foto- und Filmgruppen, Workshops oder das monatliche „Qafé Herzlich“, bei dem gemeinsam gekocht, geredet und gebastelt wird. Besonders aktiv ist die Qulturjugend des Vereins, seit 2024 sogar mit einem eigenen Vorstand. Junge Leute planen eigene Veranstaltungen, organisieren Theaterprojekte oder einen SchreibQlub. Vor den Kommunalwahlen luden sie sogar Bürgermeisterkandidat:innen zu einer Podiumsdiskussion ein.
Gerade im ländlichen Raum verändert das viel. Kinder und Jugendliche müssen für kulturelle Angebote, die Selbstvertrauen schaffen, nicht mehr weit fahren. Theaterstücke für Schulen, Workshops oder das Projekt „Radio der Zukunft“ finden direkt vor Ort statt. Für viele im Verein ist das Q deshalb mehr als ein Veranstaltungsort. Es ist ein gemeinsames Projekt, getragen von Ehrenamt, Ideen und viel Engagement. Aus einer Tischlerei ist so kein glattes Kulturhaus geworden. Sondern ein offener Ort mit Ideen, Ecken – und vielen Händen, die ihn weiterbauen.

Entdecke weitere Projekte
Hier geht es zu einem der weiteren 39 prämierten Projekte des Wettbewerbs.
Zum nächsten Projekt