Verstehbahnhof – Wo aus Warten Zukunft wird
16798 Fürstenberg/Havel, Deutschland · 5.739 Einwohner:innenEin Bahnhof wird Bildungsort
Ein Bahnhof, an dem nicht nur Züge halten, sondern auch Kinder: Im Bahnhofsgebäude von Fürstenberg an der Havel hat sich in den vergangenen Jahren ein ungewöhnlicher Bildungsort entwickelt. Wo früher Reisende warteten und eine Kneipe Bier ausschenkte, stehen heute 3D-Drucker, Lötstationen und Einzelschreibtische. Fürstenberg wirkt ruhig und grün – Wasser, Wälder, viel Landschaft. Doch viele Familien haben wenig Geld, Bildungsangebote sind begrenzt. Rund jede:r zehnte Einwohner:in bezieht Bürgergeld. Für viele Kinder fehlt es zu Hause an Raum und Unterstützung. Hier setzt havel:lab e. V. an.
Räume statt Programme
Der Verein wurde 2017 vom Netzaktivisten und IT-Sicherheitsexperten Daniel Domscheit-Berg und Mitstreiter:innen gegründet. Ausgangspunkt war die Überzeugung, dass strukturschwache Regionen Orte brauchen, an denen junge Menschen sich ausprobieren und selbst gestalten können. 2018 mietete der Verein die leer stehende Bahnhofskneipe, renovierte in Eigenleistung und baute Schritt für Schritt eine offene Werkstatt auf. Während der Pandemie verteilte das havel:lab über 70 Laptops an Familien und richtete ein Audio- und Videostudio im Keller ein, in dem Lehrkräfte Unterricht produzierten und Jugendliche eigene Podcasts entwickeln. Heute umfasst das Angebot Werkstatt, Studio, Veranstaltungshalle, Atelier, Umsonstladen und Co-Learning-Space. Es geht nicht um einzelne Kurse, sondern um verlässliche Räume, die regelmäßig geöffnet sind und eigenständiges Arbeiten ermöglichen.
Ein Ort für viele
Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die andernorts wenig Unterstützung erfahren. Rund 60 von ihnen nutzen den Co-Learning-Space regelmäßig, viele mit Migrationsgeschichte: zum Lernen und Vorbereiten von Prüfungen. Im vergangenen Jahr erreichte allein der Verstehbahnhof, das Herzstück von havel:lab, über 1.000 junge Menschen. Sie programmieren, bauen und reparieren Geräte. Gleichzeitig ist der Bahnhof mehr als ein Lernort. Die ehemalige Wartehalle dient als Veranstaltungsraum – für Filmabende, Sportangebote oder Gesprächsrunden. Bei Bedarf wird sie zur Zuflucht für Menschen ohne festen Ort.
Vertrauen und Verantwortung
Das Prinzip ist Vertrauen. Wer eingewiesen ist, erhält Zugang zu Werkstatt, Atelier oder Studio – auch Jugendliche. Sie organisieren eigene Projekte, warten Maschinen und helfen anderen. Rund 70 Ehrenamtliche unterstützen das Angebot, darunter 28 im Umsonstladen am Marktplatz. Dort wechseln Kleidung und Haushaltswaren ohne Bedürftigkeitsnachweise die Besitzer:innen – und viele kommen erstmals mit dem havel:lab in Kontakt.
Wirkung und Perspektive
Das havel:lab verändert die Stadt. Der Verein bringt Menschen zusammen, schafft Begegnung und eröffnet Perspektiven. Doch die Finanzierung bleibt unsicher. Der Betrieb kostet Geld, das selten langfristig gesichert ist. Das havel:lab reagiert pragmatisch: vermietet Räume, knüpft Kooperationen, stärkt das Ehrenamt. Trotzdem ist der Bahnhof heute mehr als ein Durchgangsort: Für viele ist er ein fester Halt.

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