Das Haus des Wandels in Heinersdorf
15518 Steinhöfel, Deutschland · 4.510 Einwohner:innenZwischen Dorf und Utopie
Wer das Gelände nach der ersten Einfahrt betritt, sieht zuerst eine Hand aus rostigem Stahl. Über zwei Meter ragt sie in die Höhe, die Finger leicht geöffnet, als würde sie die Ankommenden begrüßen. Dahinter stehen zwei lebensgroße Figuren aus Metall, mit Geschlechtsmerkmalen jenseits von Binaritäten. Sie wirken wie ein stilles Willkommen. Hinter ihnen öffnet sich ein weitläufiges Gelände mit großen Gebäuden, Werkstätten und alten Bäumen. Von außen wirkt vieles noch unfertig, fast provisorisch. Drinnen dagegen zeigt sich ein anderer Eindruck: bemalte Böden, Skulpturen auf den Fluren, Werkstätten, in denen gearbeitet wird. Ein Ort zwischen Baustelle und Kunst. Steinhöfel-Heinersdorf im Oder-Spree-Gebiet ist ländlich geprägt – sozio-kulturelle Orte wie dieser sind hier selten.
Ein Haus mit vielen Leben
Das Haus des Wandels ist kein Ort mit klarer Funktion. Es ist vieles zugleich: Wohnprojekt, Arbeitsort und Sommerresidenz für Künstler:innen. Der große Bau stammt aus den 1950er-Jahren, ein ehemaliges Berufsschulinternat mit langen Fluren und über 60 Zimmern. Nach verschiedenen Nutzungen stand das Gebäude leer – zu groß, zu teuer, ohne Perspektive. 2018 kaufte ein Verein um Andrea Vetter das Haus – finanziert über Direktkredite aus dem eigenen Netzwerk, ohne Bank und ohne fertigen Masterplan. Die Idee: ein Ort, der gemeinschaftlich getragen wird und sich mit den Menschen entwickelt.
Gemeinschaft im Alltag
Heute leben rund 15 Menschen hier, überwiegend Frauen und queere Personen, viele künstlerisch tätig. Einige zahlen Miete, andere bringen sich durch Arbeit ein. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Vieles entsteht aus dem, was gerade möglich ist. Im Erdgeschoss wirkt das Haus wie ein überdachter Dorfplatz. Die Gemeindebibliothek hat hier ein neues Zuhause gefunden, die Ortsvorsteherin gibt Töpferkurse, im Umsonstladen wechseln Kleidung und Bücher die Besitzenden. Auf dem Gang stehen Gemüsekisten zur Abholung, in der Küche sitzen Menschen und bitten um Hilfe bei Formularen.
Kunst, Arbeit und offene Räume
Gleichzeitig wächst das Gelände weiter. In Werkstätten wird gesägt und gedruckt, Ateliers werden genutzt, ein Skatepark entsteht. Künstler:innen kommen für Residenzen, arbeiten einige Wochen hier und hinterlassen Spuren. Mehrmals im Jahr öffnet sich das Haus für Großes – etwa beim Halloween-Fest, wenn sich die Flure in ein begehbares Theater verwandeln und Hunderte Besucher:innen kommen.
Ein eigener Kosmos
Im Alltag fühlt sich das Haus manchmal fast wie ein eigener Kosmos an, in dem vieles gleichzeitig geschieht. Als queerfeministischer Ort in einer ländlichen Region, in der solche Räume selten sind, hat das Haus eine besondere Rolle. Das Haus des Wandels ist kein fertiges Projekt. Es bleibt im Werden – und zeigt, wie gemeinschaftliches Engagement selbst große, verlassene Gebäude wieder mit Leben füllen kann.

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