Das ehemalige Gefängnis von Adorf
08626 Adorf, Deutschland · 4.694 Einwohner:innenWo früher Zellen waren, wird heute gebaut
Wenige Gehminuten vom Marktplatz entfernt steht ein hell verputztes Haus mit dicken Mauern. Wer vorbeigeht, ahnt kaum, dass hier einmal Menschen hinter Gittern saßen. Drinnen riecht es nach Holz und Farbe. Eine Treppe führt nach oben, aus einem Raum klingt das Summen eines 3D-Druckers. Früher waren hier Zellen. Heute stehen hier Tische, Laptops und Werkbänke. Das Gebäude ist das ehemalige Gefängnis von Adorf im Vogtland. 1840 ließ der sächsische Staat hier ein Gerichtsgebäude mit Haftzellen errichten. Später wurden Wohnungen eingebaut, im Erdgeschoss arbeitete ein Schuster. Als das Haus Anfang der 2000er Jahre leer stand, sollte es abgerissen werden. Doch viele Adorfer:innen wollten das nicht.
Vom Proberaum zum Kulturort
Eine Bürgerinitiative erreichte schließlich, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde. Lange passierte nichts, danach wenig – bis einige Bands aus der Region fragten, ob sie hier proben dürften. Aus den Proben wurden bald Sessions und kleine Konzerte. Die Veranstaltungen waren eigentlich nicht erlaubt – Elektrik und Brandschutz waren dafür zu alt. Trotzdem füllten sich die Räume. „Da war richtig etwas los“, erinnert sich Antje Goßler, Hauptamtsleiterin der Stadt Adorf. „Und wir haben gemerkt: So etwas braucht der Ort.“
Neue Ideen für eine kleine Stadt
Adorf hat rund 4.500 Einwohner:innen. Wie viele Kleinstädte kämpft auch dieser Ort mit Abwanderung und demografischem Wandel. Geschäfte schließen, Ärzte und Ärztinnen gehen in Rente, junge Menschen ziehen weg. 2015 begann die Stadt deshalb, neue Wege zu gehen. Bürgerbefragungen, Workshops und Zukunftswerkstätten sollten neue Ideen für das Zusammenleben entwickeln. Dabei rückte auch das alte Gefängnis wieder in den Blick. Heute beherbergt das sanierte Gebäude einen Veranstaltungsraum, Co-Working-Räume, ein Maker-Lab für Jugendliche und das Büro der sogenannten Möglichmacherei. Diese kommunale Stelle hilft Bürger:innen, ehrenamtliche Projekte umzusetzen. Besonders lebendig wirkt das Maker-Lab, mittlerweile hat sich hier der Verein Mitmachwerk e. V. gegründet. Einmal pro Woche treffen sich hier Kinder und Jugendliche, zerlegen alte Geräte oder experimentieren mit einem 3D-Drucker. Auch andere Initiativen haben hier ihren Ausgangspunkt genommen – von Umweltprojekten bis zu Aktionen auf dem Marktplatz.
Das Gefängnis setzt Impulse
Mittlerweile hat sich die im Gebäude angesiedelte Möglichmacherei zum regionalen Engagementzentrum weiterentwickelt, das auch in die Nachbarkommunen ausstrahlt. Menschen werden motiviert, auch selbst aktiv zu werden, sich ehrenamtlich zu engagieren und ins Stadtleben einzubringen. Es werden neue Netzwerke aufgebaut, da viele Akteure mittlerweile festgestellt haben, dass man mit Eigeninitiative und persönlichem Engagement eine Menge bewegen kann.
Noch viel Platz für Neues
Im Alltag wirkt das Gebäude zwar manchmal ruhig. Die Räume öffnen sich meist erst zu Veranstaltungen oder Projekten. Doch wenn etwas stattfindet, kommen die Menschen: zu Lesungen, Workshops oder Konzerten von Künstler:innen aus der Region. Auch auf dem Marktplatz hat sich etwas verändert. Bei den Adorfer Sommerabenden stellen Besucher:innen Klappstühle auf, hören Livemusik und bleiben bis spät in die Nacht. Für Antje Goßler gehört das alles zusammen. „Wir haben gemerkt, dass wir etwas bewegen können“, sagt sie. „Und dass viele Menschen bereit sind mitzumachen.“ Das ehemalige Gefängnis ist dabei nur ein Teil, aber ein besonderer: Früher stand das Gebäude für Abschottung. Heute kommen hier Menschen zusammen – und probieren Neues aus.

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